Dr. Paul Kaiser | TRANSFORMED CIRCLES

 

Heinz Weißflog | ZEICHEN FÜR IMMER

 

Dr. Ullrich Hartung | KATRIN SÜSS – KREISE

 

Susann & Ulf Krüger | QUADRATUR DES KREISES

 

Katja Altmann | RADIERUNGEN

 

Heinz Weißflog zu "Zeichen für immer" 2011

Dr. Paul Kaiser | TRANSFORMED CIRCLES

 

Wer in diese Ausstellung geht, wer diesen kleinen Kunstraum betritt und mit wenigen Schritten ausschreitet, der hat gewonnen und verloren. Er wird nämlich Teil eines künstlerischen Raumprogrammes. Und dies geschieht, ob er will oder nicht. Es passiert einfach, ob er das Wort „Konzeptkunst“ für die Erfindung eines kranken Kopfes oder für einen passablen Überbegriff hält. Gleich welcher Position wir uns also nahe zeigen, wir müssen in dieser Runde doch eingestehen: Wir sind bereits als Gäste dieser Eröffnung Teil eines materialisierten Konzeptes, in das uns Katrin Süss stellt. Selbst als skeptische Beobachter sind wir aktive Teilnehmer, ganz gleich wie wir diesen Vorgang einer unausweichlichen Integration wahrnehmen – bewusst oder unbewusst, affirmativ oder abwehrend, ob mit der kühlen Pose des skeptischen Kunstbetrieblers oder mit der echten Naivität eines Menschen, der noch staunen, lieben und lernen mag, selbst dann, wenn er in der kommerzialisierten Welt seinen Platz behauptet.


Ungefragt Teil eines fremden Konzepts zu werden, das ist zwar für die meisten von uns ein täglich erlebbarer Alptraum. Aber hier trifft dieser Reflex, den wir mit Blick auf die Objekte und Werke von Katrin Süss vielleicht auch als Vorgang einer künstlerischen Einkreisung bezeichnen könnten, auf eine andere Dimension. Man kann dieser suggestiv inszenierten Einkreisung nicht ausweichen. Auch dann nicht, wenn wir provokant fragen, welcher uns bekannte Sinn sich hinter dieser schnell erkundeten Konstellation aus Papier, Stahl und Artefakten vom Eisenschrott verbirgt. Und ob dieses Arrangement tatsächlich Intensitäten freizusetzen vermag, die, wie jede gelingende Kunstkommunikation, wenigstens für einen Moment unser starres Weltbild herausfordert.


Widerstreitende, ja scheinbar unversöhnliche Intentionen, temporär gebunden in einem von der Künstlerin offerierten Sinn-System – auf diese Formel könnte man jene erwünschte Konzept-Wirkung dieser Ausstellung bringen. Ihr Projekt, wie Künstlerin und Galeristin im Pressetext formulieren, will dabei ein holistisches Grundgefühl versinnbildlichen, in dessen Zentrum die Ganzheitlichkeit von Mensch, Natur und Kosmos steht.
Es braucht Mut, solches zu sagen und nicht das Gleiche zu meinen. Ganzheitlichkeit ist in der Gegenwartsgesellschaft nämlich längst zu einem Begriffsgespenst geworden. Auch deshalb weil er ein Leitbegriff ohne utopische Praxis ist und allenfalls zur Kommerzialisierung taugt, deren Verirrungen man mit Ironie, Askese oder Herablassung kritisch begegnet. Es ist schon so: Ob in den Verheißungen von Molekulargastronomie und Körperarbeit, ob in der Propaganda der Krankenkassen, ob durch die Werbefloskeln der Psychoindustrie, welche die Seitenstraßen der Dresdner Neustadt erreicht haben – das Zusammenspiel von Verbreitung und Verunklarung scheint unaufhaltbar. Das Ergebnis ist erstaunlich: Der Begriff „Ganzheitlichkeit“ hat sich in unserer Lebenswelt zu einer führenden Wortmarke etabliert. Und das Begriffspaar „systemisches Arbeiten“ erscheint als indifferentes Programm, mit dem suggeriert wird, diese verlorene Ganzheitlichkeit wieder herzustellen. Somit steht dem Ganzen und Heilen die Diagnose einer kranken und narzisstischen Welt gegenüber, deren depressives Großsymbol das Ausbleiben von Utopie ist. Dabei ist der Rückgriff auf das „systemische Arbeiten“ nicht nur Zeugnis einer sprachlichen Zumutung, sondern auch ein Beleg des historischen Vergessens, so als habe es die Irrwege der Kybernetik nie gegeben.

Katrin Süss | Vulkanblase | 6/2009, Hochdruck auf Bütten

Katrin Süss geht es zweifellos auch um Ganzheitlichkeit, sicherlich. Um dies zu merken, muss man kein Experte sein, weder einer des Alltags, des hier versammelten Milieus noch der Kunstgeschichte. Es reicht ein Blick auf die Hauptsymbolik dieser Ausstellung – auf die bildkünstlerische Thematisierung von Spirale und Kreis.
Die Spirale, stets ein bildnerische Zeichen mit spiritueller Kraft, steht hier gar als Textbotschaft, in schweres Blei gegossen. Der Spirale muss sich stellen, wer diesen Raum erkunden will. Er muss buchstabieren lernen, fabulieren, Phantasie freisetzen, um in der scheinbar zufälligen Buchstabenreihung Wort und Sinn zu erfahren. Die Buchstaben, insgesamt 450 Kilogramm schwer, bergen eine Sentenz des spanischen Künstlers Cesar Manrique  – „die Magie der verborgenen Schönheit“. Auf diesen Künstler als Inspirationsquelle der Süss‘schen Arbeiten wird noch zurückzukommen sein. Die Spirale besitzt jedoch auch eine Sinnebene, die auf den Akteur, in diesem Fall auf die Künstlerin, selbst zurückzielt. Steht die Spirale doch in der Symbolgeschichte für einen Vorgang, den jede Veränderung, jede Entwicklung zur Voraussetzung hat – nämlich das In-Sich-Zusammenfallen als Vorgriff auf die Entfaltung des Selbst.


Die Präsenz des Kreises als zweitem Symbolträger dieser Exposition ist offensichtlich und muss kaum hervorgehoben werden. Ob mit Hoch- oder Tiefdruck, ob auf Bütten oder durch gewickelte Spezialpapiere, ob auf Tonträgern oder wie die Reihe von gusseisernen Kreisen, mittels flüssigem Stahl bei 1600 Grad Celsius gegossen – der Kreis ist Ordnungsprinzip, Metapher und ikonisches Repertoire zugleich und er dient der Künstlerin als bildnerische Leitidee. Der Kreis, der bis zum Überdruss durch Werbung, Esoterik und Alltagssprache symbolisch vernutzt erscheint, wird hier neu definiert und, wie die Logik der Spirale andeutet, von instrumenteller Symbolpolitik gereinigt.  In der Antike stand der Kreis schon als Symbol für Vollkommenheit und Ewigkeit, oft auch für Sonne und Himmelsgewölbe. Er kann Schutz, Hermetik und Transzendenz behaupten. Der Kreis steht als gebundene Linie gegen den Pragmatismus und die Übergriffshandlungen ökonomischer Macht. Aber er ist auch im wahrsten Bildsinne ein Schutzschild gegen die nicht gelingende „Quadratur des Kreises“, die vergeblich versucht im Fließen der Linie einen Anfang und ein Ende zu behaupten. Die Varianzbreite der Materialien, mit denen Katrin Süss diese Dimensionalität des Kreises befragt, macht deutlich, dass sowohl das Leichte wie auch das Schwere sich dieser Aufgabe stellen muss, um die Idee des Kreises, Autonomie durch Transzendenz, zu verwirklichen.
Warum aber dieser konsequente Rückgriff auf die archaischen Zeichen, Signale und Symbole? Fragen wir die Künstlerin selbst: Mit ihren Kreisen und Spiralen, so Katrin Süss, wolle sie die „Urgewalt genial einfacher universeller Ordnungsprinzipien physisch selbst erfahren und ausdrücken.“ Für sie bilde die Spirale „Harmonie“ und der Kreis das „Umfassende“ der Existenzformen ab. Der Verweis auf die Selbsterfahrung im Sinne der eingangs beschriebenen Symboldeutung der Spirale als Sinnzeichen eines „In-Sich-Fallens“ berührt dabei nicht nur d
as Meistern schwieriger biographischer Brüche, die auch im Leben der 196X in XXX geborenen und an der HfbK und später in Berlin ausgebildeten Künstlerin nicht ausgeblieben sind.

Katrin Süss | Vulkanblase | 6/2009, Hochdruck auf Bütten

Der Weg zum Kreis und zur Konzentration auf die Farbe Weiß führt dabei bei Katrin Süss nicht über die lange Wegstrecke einer reinen Abstraktion. So wie dies etwa dem Dresdner Manfred Luther gelang, einem der wesentlichen Künstler, die sich in der DDR-Zeit und danach im Umfeld Hermann Glöckners der geometrischen Abstraktion widmeten. Luther war zugehörig einer nonkonformen Dresdner Szene, der sich Katrin Süss in den 1980er Jahren näherte und von deren Akteuren sie nachhaltig inspiriert wurde. Diesen vorgegebenen Wegen folgte sie nicht - es ist nicht die gesteigerte Formenreduktion, welches die Künstlerin reizt, vielmehr geht es ihr um eine Balance zwischen konkreter Empirie und analytischer Distanz.
Diese Form des inhaltlichen Zugriffs erfordert freilich ein Thema sowie eine Verortung im Jetzt und Hier. Und beides, Thema und Kontext, hat Katrin Süss auf der Insel Lanzarote gefunden, die sie erstmals 2009 im Rahmen eines Stipendiums und seitdem immer wieder besuchte. Und auch diese Ausstellung wird noch im April diesen Jahres dort zu sehen sein. Lanzarote ist eine Kanareninsel mit herbem Reiz, von manchem Reisenden in pauschaler Überspitzung als „Aschehaufen und Trümmerfeld“ bezeichnet, geprägt von einer Vulkanlandschaft mit scharfen Kanten, schroffen Geröll und holperigen Pfaden. Jedenfalls stellt Lanzarote das Gegenstück einer hedonistischen Badeinsel der Postmoderne dar. Dennoch oder gerade deshalb ist die Insel bedroht durch die Ölindustrie, denn 250 Kilometer entfernt ist unter dem Meeresgrund vom spanischen Ölkonzern Repsol ein gigantisches Erdölvorkommen entdeckt wurden, das bis zu eine Milliarde Barrel verspricht und damit die Dynamiken des globalisierten Kapitalismus längst ausgelöst hat. Für Katrin Süss stellt diese Bedrohung eines unvergleichlichen Lebens- und Naturraumes die Matrix dar, mit der sie ihr Konzept eines eingreifenden Kunstprogrammes exemplarisch erprobt.


Es ist der spanische Maler, Bildhauer und Architekt Cesar Manrique, der ihr dabei zu einem Vertrauten im Geiste wurde – wie zum Gewährsmann einer durch Kunst ermöglichten Veränderung gesellschaftlicher Entwicklung. Er steht für das Gelingen des auch von Katrin Süss in mannigfaltiger Variation durchdeklinierten  Kreisens, für ein Lebensprinzip, dass für die unauflösbare Hoffnung auf Harmonie durch Aktion und Wirkungsentfaltung steht und dafür die Praxis des Kreise Bildens wie des Kreise Ziehens benötigt. Manrique, 1919 geboren und 1992 durch einen Verkehrsunfall gestorben, wurde zum Mahner, Künder und Retter der Insel vor einer Vernutzung durch Massentourismus und Wirtschaftsinteressen. Der Künstler nahm seit seiner Rückkehr aus New York im Jahre 1968 künstlerisch und politisch entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Insel, die heute ein geschütztes Naturreservat darstellt; freilich unterstützt von Pepin Ramirez, einem alten Freund seiner Familie, der zum Präsidenten der Insel ernannt worden war. Manrique hat dabei überall seine künstlerischen Spuren hinterlassen – seine Kunst dabei immer im Sinne einer übergreifenden Harmonie im Wechselspiel von Mensch und Natur einsetzend.


Wenn Katrin Süss in der heute eröffneten Ausstellung sein Manifest in Kleindruckauflage kostenfrei unter die Besucher bringt, dann ist dies keine pathetische Geste konzeptueller Kunstausübung. Es ist vielmehr der Mut auf Veränderung. Ein Mut im Sinne einer künstlerischen Utopie, die das Prinzip der Ganzheitlichkeit in transformierte Kreise und mit Hilfe des unablässlichen Kreisens in neue Sinnsetzungen überführt.
Vielen Dank!

Heinz Weißflog zu "Zeichen für immer" 2011

Heinz Weißflog | ZEICHEN FÜR IMMER

 

Wenn Katrin Süss an ihren Radierplatten arbeitet, so meditiert sie. 2008 fing sie mit dem Kratzen von Kreisen in CDs an, deren Oberflächen mal dichter mal lockerer mit kreisförrnigen Liniengeflechten- und Gespinsten ausgefüllt sind und die wie Wirbel und Spiralen eigenes Schauen und Empfinden umkreisen, bis sich etwas darin löst. Der Kreis als Urform und Archetyp erfüllt hier alle Voraussetzungen, um mit ihm wirkungsvoll künstlerisch zu arbeiten. In ihm treffen Naturform und Symbol auf ideale Weise zusammen. Lapidare und spontane Titelformulierungen charakterisieren die Blätter, die etwas über die reiche Gefühls- und Arbeitswelt der Künstlerin aussagen. Bernhard Theilmann, einer der Nestoren der neuen Dresdner Kunstkritik und vielseitiger Autor, ehrlicher, kameradschaftlicher Kollege, von einigen wegen seiner Direktheit gefürchtet, vor allem aber vielen noch durch seine Arbeit an der Obergrabenpresse als Dichter und Medienmann bekannt, bestärkte sie in ihrem Tun und verwies sie auf ihr Ureigenes , die Meditation mit der Schrift als grafisches Phänomen im Kreis. Je einfacher und elementarer, desto besser. Dabei bezieht die Künstlerin moderne Medienerfahrungen und spezielle Computerstereotype in die traditionsreiche, über fünfhundert Jahre alte Technik der Kaltnadelradierung ein.

 

Katrin Süss wurde in Dresden/Weißer Hirsch (im Krankenhaus Weißen Adler) geboren, als es noch nicht die Neuigkeiten von "Turm-Autor" Uwe Tellkamp gab. "Wir lebten wie im Film von "Fanny und Alexander" sagte sie mir scherzhafter Weise über ihre Wurzeln. Die Eltern waren Handwerker, relativ gut betucht, bürgerlich. Katrin Süss studierte zunächst an der Abendschule der HfBK Dresden Malerei/Grafik, danach an der Fachschule für Gestaltung in Berlin mit einem Abschluss als Dipl.- Kommunikationsdesignerin und im Fernstudium Kunsttherapie in Hamburg. 1991 begann ihre Lehrtätigkeit mit Kursen und Seminaren für Gestaltung im Bereich Theater. Seit 2002 ist sie Honorardozentin für Gestaltung, Typografie in Dresden, Berlin und Salzburg. Soweit die Meriten. Kommen wir zur Ausstellung:

Katrin Süss | Vulkanblase | 6/2009, Hochdruck auf Bütten

Katrin Süss beginnt ihre Ausstellung im Foyer mit einem Zyklus von CD-Drucken auf Büttenpapier, darunter einige Schriftversuche, die ihr am abendlichen Computer in den Sinn kamen und die die HTML-Sprache des Internets einbeziehen, aber auch eine ihrer ersten Schriftgravuren von einem Bernhard-Theilmann-Text.

 

Hier im Foyer zeigt Katrin Süss zu Beginn ihre nach einer Reise zu den Kanaren 2009 entstandenen CD-Drucke, in die das Manifest des einheimischen Autors und Architekten Cesar Manrique graviert wurde, der die Insel Lanzerote vor der Zerstörung durch zunehmende Umweltschäden des Tourismus bewahren will. In seiner Heimat wird er vom Volk wie ein Heiliger verehrt. Auszüge aus dem Text in Spanisch und Deutsch wurden in die CDs graviert und die Stimmung durch ein geheimnisvolles tiefes, implodierendes Schwarz verstärkt, inspiriert durch die dunkle Vulkanerde, die für die Kanarischen Inseln charakteristisch ist. Ein hellweißes Auge, der unbedruckte Mittelpunkt des Kreises, verleiht dem Blatt etwas Magisches.

Ein Stipendium führte Katrin Süss 2009 nach New York. Dort befiel sie eine große Trauer um das 2001 völlig zerstörte WTC. Gleichzeitig nahm sie die New Yorker als freundliche , oft tief religiöse Menschen wahr. Als sie auf den Straßen immer wieder die Songs der Beatles hörte, mischte sich in diese Trauer eine andere . Plötzlich war da die Trauer um die Vergänglichkeit aller Dinge in ihr. So entstand der Wunsch, sich näher mit den Texten der weltweit bekannten Musiker auch grafisch auseinanderzusetzen, sie auf normale (Polyphenyl) Schallplatten zu gravieren. Sie alle kennen sicher noch die Songs: "Imagine", "Let it be" , "Love ist real" , die sich vielleicht in ihrem Ohr festgekrallt haben.

Die Gravur auf der Schallplatte, die vom äußeren Rand sich kreisförmig in die Mitte vorarbeitet, hat Katrin Süss übrigens großen Spass gemacht. Die eingängigen Titel gingen ihr leicht von der Hand, wie sie sagte . Sie drehten sich wie von selbst in die Platte . Katrin Süss druckte im Tief- und Hochdruck, manchmal zweifarbig, in verlöschenden, geheimnisvollen Farbtönen, manchmal bemalte sie auch im Nachhinein die Blätter mit farbiger Tusche, wodurch das hellleuchtende Auge der Platte besonders herausgehoben wird. Natürlich, das ist eine Sache der Ehre, hat Katrin Süss keine Beatles-Schallplatten für den Druck verwendet.

Katrin Süss | Imagine | 7/2011, Tief- und Hochdruck auf Bütten mit farbiger Tusche

Die New York-Reise (die übrigens immer wieder in dieser Ausstellung aufleuchtet) sowie Texte des Dresdner Musikkritikers Ulf Krüger sind Gegenstand der 8 frontal zu sehenden Drucke, wie eine Musikrezension mit dem Titel "Bob Dylans Mystischer Garten" von 2011. Hier wie auch in anderen Farbdrucken an der rechten Wandseite schwingt etwas, das mit Worten wenig oder gar nicht zu zu beschreiben ist. Sowohl aus der Nähe oder aus größerem Abstand erschließen sich die Drucke immer anders. Sie bestechen durch ihre kosmische Dimension , die mit Farbe und grafischer Struktur im vorgegeben Kreis herbeigezaubert wurde : Wie bei einer Sternenkarte oder einem heliozentrischen Himmelsbild, in dem Abschnitte der Milchstraße diffus-hell schimmern, wird der Betrachter in ferne Welten entrückt, wolkige Zonen lösen dunklere Tiefen ab. Besonders eindrucksvoll sind die von Violett, Burgunderrot, Blau, Goldgelb und deren Übergänge getönten Drucke, die auch im Zusammenklang funktionieren. Hier ist eine mystische Abwesenheit aller täglichen Dinge und eine Konzentration auf das Wesentliche in unserem kurzen Leben, angesichts von Sorge, Krankheit und Tod, die darüber hinausreicht und glückvoll ein Gefühl für das Ewige ohne religiöse Schwarmgeisterei in uns wachruft.

Katrin Süss | Winterliche Suche | 12/2009, Tief- und Hochdruck auf Bütten

Eine ganze Reihe von Schallplattendrucken widmete sie dem Thema Dresden und dem 13. Februar. Wie ein Negativ, Weiß auf schwarzem Grund, erscheinen seltsam kristalline Strukturen, wie vom Frost beschlagene Fenster, rund und skrofulös, gerippeartig, abgestorbenen Dornenkronen gleich, in der Eiskristalle nisten, auf einem imaginären schwarzen Hintergrund. Die Kunstblume "Weiße" Rose, die an die Teilnehmer der Antinazidemonstration zum 13. Februar in Dresden verkauft wurde, hat Katrin Süss zu diesen Arbeiten angeregt und ist eine eigenwillige Auseinandersetzung mit dem Thema. "Rosenlichter" von 2009 bilden dabei die Vorgänger für "Dresdner Rose", "Wintergarten", "Winterliche Suche", "Rose, nach links drehend", "Wind des Herzens", "Zeichen im Schnee" u.a..

 

"Maltesische Zeichen aus Leutewitz" (20 I0) sind großformatige Radierungen, die nach einer Reise nach Malta verwirklicht wurden und eine Sammlung von selbst formulierten und fremden (archaischen) Zeichen im Weltkreis darstellen. Durch die Kombination mit Bleistiftzeichnungen vertieft die Künstlerin den Anspruch auf Authentizität des Erlebnisses im Kontrast zur bürgerlichen Enge der Vorstadt Leutewitz, die für sie aber auch ein Ort der Geborgenheit darstellt. Die Spannung zwischen Fremde und Heimat wird zum kreativen Impulsgeber. Malta ist ein uralter Kultur- und Kunstraum im Mittelmeer mit archaischer Schrift (Piktogrammen), Kleinplastiken und Venusstatuetten, die sich in ihrer imaginären Zeichenschrift wiederfinden Katrin Süss hat diesmal den Kreis selbst gezogen und sich von der runden, vorgegebenen Form der CD gelöst. Die dadurch gewonnene neue Freiheit ist nicht unproblematisch und muss erst noch errungen werden. Neue Versuche sind bereits in Angriff genommen, den selbst bestimmten Grenzraum zu erkunden. Auch über das "Ableben des Films" und einer ganzen Industrie will die Künstlerin ein neues Projekt ansteuern, das in Zukunft ihre Arbeit bestimmen soll.

Dr. Ulrich Hartung, Laudatio zu Katrin Süss' Ausstellung KREISE

Dr. Ullrich Hartung | KATRIN SÜSS – KREISE

 

Es gibt unter Kunsthistorikern eine alte Redensart: „Man weiß nur, was man sieht”, der aber oft sogleich ihre Antithese gegenübergestellt wird: „Man sieht nur, was man weiß”. Einmal abgesehen davon, ob Frauen anders und Anderes sehen als Männer – mit der ersten These wird die Forderung ausgesprochen, sich auf die Form des Kunstwerks, auf seine Struktur, seine Komposition, also auf seine Erscheinung einzulassen – nur dadurch kann es verstanden, können die Intentionen seines Schöpfers oder seiner Schöpferin ergründet werden. Die Notwendigkeit liegt gerade heute klar auf der Hand, denn wenn die Erscheinung eines Gegenstands bloß als Verschleierung seines „wahren Wesens” verstanden, wenn der innere Zusammenhang beider geleugnet wird, dann wird zugleich das Begreifen des Werks verweigert. Dies sagt uns zwar einiges über den Betrachter, aber kaum etwas über das Kunstwerk selbst; es ist eine Haltung zum Werk, und zwar eine irrationale; sie entsteht aus Angst vor dem Denken. Dagegen kann ein Wissen, das an anderen Werken schon erworben wurde, können Kenntnisse über Stilvorstellungen, über Glaubensinhalte, über das Körperbild einer Zeit sehr wohl die Erkenntnis eines Kunstwerks fördern. Insofern hat auch der zweite Satz sein Recht: die Analyse dessen, was uns unmittelbar vor Augen steht, und die Erforschung der Gründe und Bedingungen für seine Entstehung können sich wechselseitig erhellen.

Wenn wir die Arbeiten von Katrin Süss in dieser Ausstellung betrachten – was sehen wir, und was müssen wir wissen? Wir sehen Kreise vor uns, Ringe, die sich um ein Zentrum ziehen, überklebt von weißem Seidenstoff. Wie eine Haut ist das chinesische Seidenpapier über die Rillen und Grate der Kreise gespannt; an manchen Stellen bricht das Material der Ringe, schlichte graue Wellpappe, durch. Was sofort spürbar war, ist schnell zu erkennen – nicht den Abdruck einer positiven Form auf der feinen Papierfläche haben wir vor uns, sondern ein plastischer Körper schwebt, von Gaze gehalten, in der Fläche.
Auf den ersten Blick scheinen die Scheiben mit ihrem starken Relief der aktive Part der Komposition zu sein – prägen sie nicht der dem Papier ihre Form auf, saugen sie nicht die Fläche an? Doch bringt die äußere Form, ein Quadrat, ein Moment der Ruhe in das Kreisen; dem Rund entspricht die andere Elementarform, die es im Raum verankert, in Breite und Höhe. Auch verbindet das Weiß des Seiden-papiers Kreis und Quadrat. Eben dies charakter-isiert die Vorderseite, während hinten, und nur dort, die graue Pappe einfach auf der Fläche sitzt. Das soll man nicht sehen; stattdessen wird fast eine heimliche Herrschaft der Fläche inszeniert, denn die Mitte der Kreise ist immer leer. Hier erscheint, umringt von den strengen Wirbeln, wieder das Weiß, rein und kräftig, ob heraus-gestoßen oder in größter Tiefe. So sind Ruhe und Bewegung, gerade weil sie ihre gegensätzlichen Kräfte voll aufbieten können, zum Ausgleich gebracht.

Vielleicht hat jemand von Ihnen einmal versucht, die Quadratur des Kreises zu bilden. Sie werden wahrscheinlich an mangelnder Kenntnis der Methoden höherer Mathematik gescheitert sein. Und doch konnte aus diesem Versuch schon eine Erkenntnis destilliert werden – Quadrat und Kreis sind symmetrische Formen, in sich geschlossen, von einem Mittelpunkt aus nach allen Seiten hin gleichartig gebildet.
Der Kreis ist dabei die Form, die sich am stärksten nach außen abschließt. Die Rundung seiner Linie bleibt sich derart gleich, dass schon nicht mehr gesagt werden kann: nach allen Seiten, denn sie bildet im Inneren einen völlig geschlossenen Raum, der ebenso richtungslos ist wie das Außen, nur dass dieses als vollkommen offen und unbestimmt erscheint. Der Kreis weist jede Bindung zu anderen Formen ab; deshalb bildet er die Elementarform schlechthin.
Dieses im Wortsinn Absolute, Losgelöste ließ den Kreis zum Symbol jeglicher absoluter Macht werden; der runden Linie wurde bannende Kraft zugeschrieben. Dies geschah nicht auf Grund einer Verabredung, nicht aus bloßer Willkür, wie die Rezeptionsästhetiker vielleicht meinen, sondern aus dem bewussten Einsatz der abstrakten, abgezogenen Form, die vor allen anderen zur Darstellung eines ebenso abstrakten Inhalts taugte. Keine beliebig gewählte Konvention, sondern der Ausdruckswert der Form selbst machte den Kreis geeignet, eine magische Macht zu verkörpern.
Dieser Formcharakter gab den riesigen Rundbauten der Kirche den Eindruck in sich ruhender Größe, vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Ihre Innenräume sollten die Gläubigen zu einer geschlossenen Gemeinschaft machen. Aber nur im Grundriss konnte die reine Rundform Verwendung finden, denn der Kreis ist strenggenommen atektonisch, weil ja jede Abstützung, jeder Anschluss an andere Formen seine Einheit stört. Als Raum, also als Kugel wäre er gar nicht nutzbar und wirkt noch als Fassadenelement wie eine Symbolform mit eigenem Gesetz, die nur durch Hilfskonstruktionen in das Baugefüge eingebunden werden kann. Als Wilhelm Kreis das Dresdner Hygienemuseum mit den großen Rosettenfenstern versah und so seinen Namen in gebaute Form übertrug, war das nichts als die Nutzung einer zufälligen Analogie und spricht mehr dafür, dass der Kult der Persönlichkeit im 20. Jahrhundert längst die Kultur des religiösen Kultus abgelöst hatte.

Anders steht es beim Quadrat, das gelagert, in seiner Vielzahl geschichtet und aufgetürmt werden kann, ohne seine Formqualität zu verlieren, und deshalb zur markantesten Symbolform eines architektonischen Elementarismus wurde. Hatte der Kirchenbau des Mittelalters das gleichseitige Rechteck zum plastischen und räumlichen Baustein genommen, so wurde das Quadrat um 1800 wie um 1900 als Ordnungselement wiederentdeckt, setzte es der Katholik Rudolf Schwarz bei seinen Kirchbauten ein und machte es der Münchner Designer Wolfgang von Wersin zum Markenzeichen für seine Ausstellung „Ewige Formen”. Aus dieser Denkbewegung heraus baut bis heute Oswald Mathias Ungers.

 

Kreis und Quadrat waren und sind Symbolformen der Ordnung, verkörpern die Reinheit, die Schönheit eines immanenten Gesetzes, sollen als menschliche Schöpfungen die Einheit von Natur und Menschenwerk bezeugen. Eine innere Entsprechung von Gedanke und Gestalt gab ihnen diese Wirkung.

 

Soviel und natürlich noch mehr können wir wissen, doch genügen solche Kenntnisse, um die Arbeiten, die uns hier umgeben, zu verstehen?
Zunächst: Das Weiß der Flächen, die Farbe der Abstraktion, ist zugleich Summe aller Farben und Ausgangspunkt aller möglichen Farbenspiele. Es erscheint leer und kann doch Ende, Beginn oder momentaner Zustand einer Bewegung sein. Sodann fällt auf, dass die Scheiben unterschiedlich groß sind, also Dasselbe in verschiedener Abwandlung zeigen, wo doch ein einziges Bild genügt hätte, um das Symbol in seiner ganzen Reinheit darzustellen. Was aber den Werken erst ihre sinnliche Kraft verleiht, sind die vielfältigen Variationen im strengen Gesetz des Ganzen, die in den Scheiben vorgeführt sind: Die Ringe bilden, in Stufen zurückspringend oder heraustretend, runde „Landschaften” von unterschiedlicher plastischer Kraft und räumlicher Wirkung. Der Eindruck, den sie erwecken, ist der, vor den Spuren der menschlichen Hand zu stehen, die den Ton auf einer Töpferscheibe formte.
In dieser ruhigen Bewegtheit offenbart sich die Idee einer Ordnung, die zugleich unendliche Freiheit ermöglicht. Kosmos und Menschenwerk sind hier nicht in eins gesetzt, aber aus den Kreisen spricht doch mehr als ein Traum: die starke Überzeugung, dass sich das Gesetz der Welt und die Ordnung des Geistes entsprechen. Wir finden in ihnen Symbole einer lebendige Ordnung, nicht als Abstraktion vom Leben, sondern als dessen abstrakter Ausdruck.

Katrin Süss hat die Kreise nicht als Formübungen geschaffen oder gar als didaktische Vermittlungs-objekte für den Design-Unterricht. Sie wollte nicht mit freien Konstruktionen ihre Subjektivität, ihre innere Ordnung zum Ausdruck bringen. Sie musste ein Mal diese Ordnung wieder finden und fand sie, auch durch diese Figuren aus Pappe und weißem Papier.
Die Visionen von „runden Bildern” begannen, als ihr erstes Kind starb. Als sie ausharren musste, mit viel Hilfe anderer und doch machtlos vor dem langen Sterben, und kaum Kraft in sich selbst fand. In diesen Tagen, Wochen gewann sie aus der Nähe ihrer Tochter, aus dem inneren Gespräch mit ihr die Energie zum Gestalten. Ihr drängten sich Bilder von ungeheurer Schönheit und Geschlossenheit auf, die sie stärkten. Einen Trost von außen konnte es nicht geben, und auch die Worte und Zitate, die sie aufnahm, fügten sich in die konzentrierten Wirbel der Visionen. Sie musste diese Bilder aus sich herausstellen, musste sie plastisch greifbar machen. Sie hat es getan. Für sie war das die Lösung, im doppelten Sinn.
Hat Katrin Süss die Quadratur des Kreises gefunden? Sie will weiter Kreise machen, größere, andere. Immer beginnt die Suche nach einer neuen Landschaft mit einem Horchen auf die inneren Antriebe, mit der Skizze eines Psychogramms; dann, während des Gestaltens, nimmt der Verstand die Arbeit in die Hand. Dies ist keine Gedenk-Ausstellung, aber eine, die zum Denken einlädt.

Susann & Ulf Krüger | QUADRATUR DES KREISES

 

Der Kreis ist ein symbolträchtiges Zeichen – steht er doch für so absolute, vollkommene und göttliche Dinge wie Unendlichkeit, Ewigkeit und Wiedergeburt. Anfang und Ende sind eins. Der Spirale – spricht man nicht minder gewaltige Dinge wie zyklische Entfaltung, Erneuerung oder „Evolution" im mystisch-kosmischen Sinn zu. In der Grabkunst versinnbildlicht sie gar den Zyklus eines Menschenlebens.


Dem Schaffen von Katrin Süss kommen sowohl das Studium der Malerei und Grafik an der Dresdner Hochschule der Künste als auch das Grafikdesign-Studium in Berlin zugute. Das Aufbrechen der konservativen Recheckform liegt ihrem Gestalten zugrunde. Als weitere Arbeitsgrundsätze nennt sie die Abkehr von der Farbigkeit hin zum Weiß sowie die Negierung von Körperlichkeit zugunsten von Zeichen und Symbol.


Als Mitte der 1990er Jahre ihre erstgeborene Tochter Clara starb, wurde die Kreissymbolik zu einem sehr persönlichen Teil ihres künstlerischen Schaffens. Süss begann, überdimensionale Räder aus Wellpappe zu wickeln – immer größer – Landschaften, Erdstrukturen gleich – scheinen die groben bis fein strukturierten Oberflächen  – gleich Lebenslinien –  ins Unendliche zu tragen , wie eine nicht endende Reise. Die schweren Objekte von manchmal bis über einem Meter Durchmesser legte sie hinter weißes, fein seidiges Japanpapier  und verlieh ihnen dadurch eine fast schwebend anmutende Leichtigkeit.

Katrin Süss ist seither von der Kreisform nicht losgekommen und widmet sich ihr heute neben gelegentlichen Wellpappverwicklungen vor allem graphisch. Ihr Brotberuf als Dozentin für Typographie am AIK entfachte zudem ihre Faszination am Wandel von Zeichen, Speicher- und Verbreitungsmedien im Laufe der Jahrhunderte. Die Idee dahinter kreist um die Sicherung und Reproduzierbarkeit von Gedanken und Wissen. Alle Beteiligten – Zeichen, Technik, Druckstock und Abbild – sind, so unkonventionell sie auch im künstlerischen Zusammenhang erscheinen mögen, aus ihrer jeweils eigenen Geschichte heraus nur Vehikel, um eine Idee ins Bild zu setzen, zu bewahren oder zu vervielfältigen.


Als 1450 Johannes Gutenberg aus Mainz den mechanischen Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, revolutionierte er den bis dahin 6.500jährigen elitären Schriftgebrauch. Die Produktion von Büchern war im Mittelalter den Klöstern vorbehalten, in deren Scriptorien Mönche vorhandene Werke immer wieder abschrieben. Durch Gutenbergs Erfindung konnte von nun an eine Fülle von Gedanken und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel in der Gesellschaft zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte.
Diese Entwicklung ist in etwa vergleichbar mit den bahnbrechenden Erfindungen zur Übermittlung von Schrift- und Gedankengut in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Insbesondere die Visionäre der „Silicon-Valley-Community” realisierten die Idee eines individuell einsetzbaren Mini-Rechners und revolutionierten mit der damit verbundenen digitalen Schriftlichkeit erneut Schriftgeschichte der Menschheit. Die Schrift verließ die traditionellen Trägermaterialen und eroberte den virtuellen Raum.


Als Graphikerin ist Katrin Süss täglich von dieser Computerwelt umgeben, dennoch schätzt sie die althergebrachten Techniken der „Schwarzen Kunst” – so das historische Synonym für Buchdruck und Kupferstecherei – sehr. In ihren Kunstwerken versucht sie, traditionelle Arbeitsweisen und moderne Materialien zu einen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts galt die Druckgraphik als reines Reproduktionswerkzeug. Die Qualität eines gefertigten Drucks lag in der Fähigkeit des Kupferstechers, die Effekte eines Mediums (z. B. der Malerei) in das andere zu übersetzen. Sie war somit eine „interpretierende” Übersetzung. Das Bild, das daraus resultierte, war nicht das Werk des ursprünglichen, sondern des reproduzierenden Künstlers. Druckgraphiken wurden in unlimitierten Editionen produziert und ihre Hersteller versuchten, die Erhaltung der Druckplatte mit allen Mitteln – wie beispielsweise durch die Verstählung – zu sichern, um hohe Auflagen drucken zu können.

Katrin Süss hielt für ihre Kreise an der altbewährten Technik der Kaltnadelradierung fest, ließ aber das spitze Werkzeug auf Speichermedien des 20. Jahrhunderts treffen. CDs, DVDs und LPs dienten als „Druckplatten”, auf die sie HTML-Befehle, Lyrik und Prosa oder schlicht Symbole kratzte. Als Sakrileg empfanden es New Yorker Freunde ihrer Kunst, als sie erfuhren, sie verarbeite auch Beatles-Texte. Diese Schallplatten galten ihnen als besonders heilig. Dennoch, dadurch wurden die Drucke in doppelter Hinsicht zu Unikaten der besonderen Art. So nennen auch die New Yorker Freunde inzwischen einen dieser raren Drucke ihr eigen.

Während CDs ein gutes Druckmedium sind, geben die Langspielplatten oft nur ein oder zwei vernünftige Drucke her. Der  Drucker Jochen Lorenz von der Obergrabenpresse besaß das nötige Fingerspitzengefühl, um diesen unkonventionellen Druckplatten ein passables Ergebnis abzuringen. Im ganzen Erscheinungsbild noch deutlich als Schallplatten zu erkennen – sogar einige Rillen ließen sich noch abbilden – erinnern diese Serien an die im Musikbusiness verliehenen goldenen Schallplatten. Die geritzten Texte, Symbole, Konzertrezensionen und sonstige journalistische Arbeiten über Musik – erscheinen auf dem Papier als eine Mischung aus Hoch- und Tiefdruck, während der Hintergrund in verschiedenen Nuancen von körnigem Grau ins Weiße changiert.


Klarer geben die anfänglichen Kratzarbeiten auf CD ihr Abbild preis – schwarze Zeichen auf weißem Grund, perfekt zum Mitlesen. Geheimnisvoller muten hingegen die auf Lanzarote entstandenen Graphiken an. Die dunklen, zum Teil brüchig wirkenden Scheiben ähneln im Farbton dem des die Kanareninsel beherrschenden Lavagestein und sind eine Hommage an den einst dort wirkenden César Manrique. Der 1992 verstorbene Künstler, Architekt und Umweltschützer empfand anders als so mancher Tourist seine Heimat als wilde und lebendige Naturschönheit, die er um einige Anziehungspunkte reicher machte. Hauptmerkmal seiner architektonischen Kunst ist die Integration von Felsen, Stein und erstarrten Lavaströmen in einen harmonischen Wohn- und Lebensraum. Oft sind die Farben Schwarz, Grau und Weiß zu finden. Besonders war Süss von Manriques in fünf Lava-Blasen errichtetem Wohnhaus beeindruckt, in dem sich heute die Kulturstiftung Fundación César Manrique befindet. Die unterirdischen Hohlräume im Lavagestein haben Öffnungen zum Himmel, aus denen sogar Bäume wachsen. Ihre Entsprechung finden sie in Süss’ Lanzarote-CDs, die ebenso vom Dunkel zum Licht im Zentrum führen.

 

Dabei geht es nicht um den flüchtigen Inhalt der silbernen Scheiben, sondern um ihre Jahrtausende alte Form. Äußerlich bilden sie einen Kreis als Träger eines dauerhaften Bildes. Ihre Fähigkeit, Millionen von Informationen in Sekundenbruchteilen preiszugeben oder zu speichern, scheint dabei sekundär. Es ist, als stemme sich die uralte Form als Konstante gegen die Flüchtigkeit der unsichtbaren Zeichen.

Katja Altmann | RADIERUNGEN

aus der Eröffnungsrede der Dipl. Museologin und Kulturmanagerin Katja Altmann zur Ausstellung „Mensch, Wasser, Leben" im Museum Alte Wasserkunst Bautzen 2007.

 

Mit ihren hier gezeigten Radierungen gibt Katrin Süss Einblick in einen weiteren Bereich ihres künstlerischen Schaffens.

Die Radierung entwickelte sich im 16. Jahrhundert. Sie wurde von Künstlern wie Dürer, Rembrandt und Goya, aber auch von Picasso, Marc Chagall, Horst Jansen und Joan Miro genutzt. Die Radierung ist ein Tiefdruckverfahren, bei dem einer glatten Oberfläche (der Druckplatte) durch gravieren oder ätzen Punkte und Striche „eingegraben” werden. Die Platte wird mit Druckfarbe eingerieben, die nach dem Abwischen der Farbe nur in den Vertiefungen bleibt. Wenn dann angefeuchtetes Papier mit Druck auf der Platte liegt, saugt dieses die Farbe wieder aus den Vertiefungen heraus. Die Platten der hier gezeigten Arbeiten entstanden bereits 1998 und wurden 2006 überarbeitet. Die ersten Radierungen mit Gesichtern reduzierten sich im Arbeitsprozess immer mehr. Sie zeigen nun reduzierte, klare Formen, oft Kreise.

 

Zum Drucken wurde Katrin Süss durch die Obergrabenpresse in Dresden nach ihrer Ausstellung „Kreise” eingeladen. Eine hohe Ehre, kann sich die Obergrabenpresse doch aussuchen, für wen sie druckt. So lassen Peter Herrmann, Ralf Winkler (Penk) und Professor Klaus Weidensdorfer hier drucken. Das spricht für die Qualität der Radierungen! Künstlerische Inhalt, hervorragende Drucktechnik und die Verwendung von handgeschöpftem Büttenpapier ergänzen einander und es entsteht etwas ganz Besonderes.